Wir sind eigentlich kein politisches Magazin oder Ähnliches. Gerade im Wahlkampf bemühen wir uns deshalb immer, neutral zu sein, wobei auch diese Neutralität Grenzen hat, wenn sie sich aktiv gegen das stellt, was wir für Ostfriesland überzeugt vertreten. Wir sind keine Nachplapperer und sagen, wenn politische Entscheidungen uns nicht oder nur zum Teil überzeugen und wie wir es uns besser gewünscht hätten. Genau aus diesem Grund haben wir wirklich lange gerungen, ob wir dieses Thema, das primär nur ganz, ganz wenig und indirekt mit ÖPNV zu tun hat, überhaupt bringen. Das Gerangel ist vorbei. Und unter dem Aspekt, dass wir einfach mal in diese Richtung einen Denkanstoß geben möchten, auch wenn das Thema eigentlich gar nicht so richtig zu uns passt, bringen wir es trotzdem.
Wahlwerbung schmückt so langsam wieder unsere Straßen. Böse Zungen würden jetzt sagen: „Ha, die Hackfressen sind wieder da, lasst uns ihnen Zahnlücken, Brillen, Piercings und Tattoos malen“ – um es mal unverblümt zu sagen. In Großheide ermittelt der Staatsschutz wegen Hakenkreuz-Schmierereien auf Wahlplakaten, ausgerechnet auf denen einer Partei, zu der solche Symbole nun wirklich nicht passen. Wir distanzieren uns klar von solchen Beschmierungen, aber ist das wirklich immer nur gedankenloser, gemeinschaftsloser Jugendvandalismus? Oder steckt darin, auf eine unschöne Art, manchmal auch der Ausdruck der eigenen Meinung und eine gezielte Respektlosigkeit gegenüber dem, der das Plakat aufgestellt hat? Eindeutig lässt sich das nie sagen. Interessant ist aber, dass die Sprachwissenschaft dafür sogar einen eigenen Begriff hat: Wahlplakat-Busting. Die Forscher Sascha Michel und Steffen Pappert beschreiben damit Veränderungen an Wahlplakaten, die zwar rechtlich Vandalismus bleiben, gleichzeitig aber auch als eine Form politischen Protests gelesen werden können. Deshalb mal die Überanalyse zu diesem ganzen Thema:

Wahlwerbung ist wichtig, keine Frage. Aber wenn wir uns anschauen, wo und wie manche Plakate aufgestellt werden, fragen wir uns langsam, ob das wirklich sein muss.
Nehmen wir die Wiese neben einer Kreuzung, auf der das ganze Jahr über nie Werbung steht, egal ob für ein Stadtfest oder einen Flohmarkt. Sobald Wahlkampf ist, steht dort plötzlich Plakat an Plakat. Genauso bei der Bushaltestelle, wo man sonst nie auf die Idee käme, dort Werbung hinzustellen, weil sie den Fahrgästen die Sicht auf den Bus nimmt oder umgekehrt den Blick auf die wartenden Leute versperrt. Rechtlich mag da niemand etwas falsch gemacht haben, aber es wirkt, als hätte sich beim Aufstellen kaum jemand gefragt, ob das den Leuten praktisch im Weg steht, Hauptsache der Standort ist gut sichtbar.
Dass Wahlwerbung öffentlichen Grund nutzen darf, ist grundsätzlich richtig und wichtig, das gehört zur Demokratie dazu. Aber nutzen und sich einem aktiv in den Weg stellen sind zwei verschiedene Dinge. Wenn ein Plakat so steht, dass es einem buchstäblich die Sicht nimmt, wirkt das nicht mehr wie eine Botschaft, sondern wie ein nerviges altes Pop-up, das sich einem in den Weg drängt, oder wie eine rote Ampel oder eine Baustellenabsperrung. Und all das signalisiert nichts anderes als erzwungenen Stillstand und Behinderung, also genau der Kontext, den eine Botschaft wie „wählt mich“ am wenigsten gebrauchen kann.
Dafür gibt es sogar eine psychologische Erklärung. Das Konzept der Reaktanz beschreibt genau diesen Mechanismus: Sobald Menschen das Gefühl haben, in ihrer Freiheit eingeschränkt zu werden, etwa weil ihnen buchstäblich die Sicht genommen wird, entsteht innerer Widerstand, der laut Reaktanzforschung bis zu Ärger und einer deutlich geringeren Sympathie gegenüber dem Verursacher führen kann. Im schlimmsten Fall kippt das sogar in den sogenannten Bumerang-Effekt: Statt Sympathie für die Botschaft zu wecken, sorgt der wahrgenommene Druck für Ablehnung genau dessen, wofür geworben wird.
Und das passiert gerade in einer Zeit, in der das Vertrauen in Politik ohnehin am Boden liegt. Laut einer YouGov-Umfrage von Juli 2026 sehen inzwischen rund zwei Drittel der Menschen in Deutschland, in Ost wie West, die Demokratie in Gefahr. Eine Ipsos-Umfrage von April 2026 zeigt zudem, dass nur 26 Prozent der Bevölkerung der Regierung zutrauen, in ihrem besten Interesse zu handeln, während 41 Prozent gar kein Vertrauen mehr haben. Viele haben das Gefühl, dass Politik ihr Leben nur komplizierter macht, alles teurer wird und man von oben herab behandelt wird. Ausgerechnet in so einer Stimmung dann mit riesigen Bannern möglichst oft ins Blickfeld zu drängen, ist einfach die falsche Art der Kommunikation.
Olaf Wiltfang ist da nur ein Beispiel, nicht persönlich gemeint. Wir stehen seiner Politik völlig neutral gegenüber, nur mit seiner Wahlplakatgestaltung hat er uns die perfekte Beispielsituation für dieses Thema beschert, alles nur, weil er sitzt. Wenn wir sehen, wie sich sein Plakat an so einer Stelle in den Weg setzt und uns die Sicht versperrt, dann ist das nicht die Bürgernähe, die wir uns wünschen. Dazu kommt noch, wie er da im roten Sessel sitzt, zurückgelehnt, entspannt, fast selbstzufrieden darüber, dass er uns die Sicht versperrt. Und in dem Kontext, dass Politik unser aller Leben eigentlich leichter und angenehmer machen soll, verkörpert dieses Plakat für uns genau das Gegenteil: „Ich stehe euch im Weg.“
Und brauchen wir in der heutigen Zeit überhaupt noch riesige Wahlplakate an Stellen, an denen man sonst freie Sicht gewohnt ist? Wieso nutzt man nicht die bestehenden Plakatwände, die ohnehin gemietet werden können, oder die kleinen Plakate an den Straßenlaternen? Die werden schließlich auch für reguläre Werbung genutzt, und dabei wird offenbar mehr darauf geachtet, dass sie langfristig nicht stören. Vielleicht geht es hier einfach um Kosten. Wir wissen es nicht.
Und genau da kippt für uns die Wirkung. Wahlwerbung soll ja eigentlich etwas Positives transportieren, so wie Kluntje den Ostfriesentee abrundet. Aber wenn Standort und Gestaltung eher stören als überzeugen, ist das für uns eher wie Salz in den Tee gestreut. Es bleibt ein ziemlich ungenießbarer Beigeschmack zurück, ganz unabhängig davon, was auf dem Plakat eigentlich steht.
Vielleicht sagt jetzt jemand, wir würden hier viel zu viel in ein einzelnes Wahlplakat hineininterpretieren. Kann sein. Aber genau diese Überanalyse zeigt eigentlich das eigentliche Problem: Was hier passiert, geht komplett nach hinten los, obwohl das mit ziemlicher Sicherheit niemand genau so wollte. Wir gehen nicht davon aus, dass Olaf Wiltfang selbst möchte, dass sein Plakat so bei den Leuten ankommt. Wahrscheinlicher ist, dass irgendein Wahlhelfer den Standort und die Aufstellung einfach so entschieden hat, ohne sich groß Gedanken darüber zu machen, wie das auf die Menschen wirkt, die da jeden Tag vorbeifahren. Und genau da liegt der eigentliche Denkanstoß: Es hat sich schlicht niemand die Arbeit gemacht, darüber nachzudenken.
Quellen
- Staatsschutz-Ermittlungen Großheide: https://www.noz.de/lokales/ostfriesland/norderland/artikel/staatsschutz-ermittelt-nach-hakenkreuz-schmierereien-in-grossheide-50955390
- Wahlplakat-Busting (Michel & Pappert): https://duepublico2.uni-due.de/servlets/MCRFileNodeServlet/duepublico_derivate_00071237/Michel_Pappert_Wahlplakat-Busting.pdf
- Wahlplakat-Busting (Vortragsankündigung GfdS): https://gfds.de/events/wahlplakat-busting-alles-nur-vandalismus/
- Reaktanz (Psychologie), Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Reaktanz_(Psychologie)
- Reaktanztheorie, Spektrum Lexikon der Psychologie: https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/reaktanztheorie/12520
- Reaktanz und Bumerang-Effekt im Marketing: https://docplayer.org/7707417-Der-widerstaendige-konsument-reaktanz-gegen-marketingmassnahmen.html
- YouGov-Umfrage zum Vertrauen in die Regierung (Juli 2026): https://www.neopresse.com/politik/neue-umfrage-misstrauen-gegen-die-regierung/
- Ipsos, Politische Meinungslage in Deutschland (April 2026): https://www.ipsos.com/de-de/meinungsumfragen/politische-meinungslage-deutschland



